Am Ball bleiben News 06.09.2007

[06.09.2007]
„Fußball vs. Countrymusik“:
Die Suche nach Freiheit und Widerstand

Gerd Dembowski beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themen Rassismus und Diskriminierung im Fußball. So war er mitverantwortlich für die Ausstellungen „Tatort Stadion“ und „Ballarbeit. Szenen aus Fußball und Migration“, engagiert sich im Bündnis aktiver Fußballfans, BAFF, und im Netzwerk FARE, Football against racism in Europe – und er schreibt Bücher. Das neueste heißt „Fußball vs. Countrymusik“.

Gerd Dembowski

Gerd Dembowski

Dieser Titel ist eigentlich irreführend, insofern Fußball und Countrymusik hier keineswegs gegeneinander ausgespielt werden. In den verschiedenen kurzen Texten des Bandes geht es um die Möglichkeit von Freiheit und Widerstand, das Versprechen der Utopie in Fußball und Country. Passend dazu ist jedem Artikel ein eigener Soundtrack beigegeben. Gerd Dembowski entwickelt Parallelen zwischen St. Pauli und Johnny Cash, beschreibt die Subkultur des Country und macht sich inmitten des verschwenderischen Luxus eines FIFA-Kongresses in Buenos Aires auf die Suche nach den Spuren von Diego Maradona. In anderen Texten beschäftigt er sich mit den Themen Rassismus und Diskriminierung, etwa in Reflektionen über die Männlichkeits- und Härteideale des Fußballs oder im sehr persönlichen Nachruf auf John Blankenstein, den zu früh verstorbenen Kämpfer gegen Homophobie im Fußball und einzigen offen schwulen FIFA-Schiedsrichter. Im Interview mit amballbleiben.org spricht Gerd Dembowski über sein Buch, die „Dummheit Fußball“ und neue Projekte.

Dein Buch liest sich mitunter ein bisschen wie ein Abschiednehmen, wenn ich zum Beispiel an deinen Rückblick auf die „Jahre mit St. Pauli“ denke. Wie viel Utopie und wie viel, um dich zu zitieren, „Ersatzfreiheit“ steckt für dich denn noch im Fußball?

Die Faszination am Fußball ist für mich noch immer, dass er bei allem Masochismus der Fans auch Momente hervorbringt, die einem eine Idee davon geben, was Utopie sein könnte. Seit meinen ersten Begegnungen mit dem Fan-Soziologen Dieter Bott und meinem Einstieg bei BAFF 1995 finde ich irgendwo zwischen Fan und Anthropologe statt. Mir ist es wichtig, das eigene Verhalten als Fan ständig zu reflektieren und nicht zu jemandem zu werden, der dort in der Kurve steht, und sich – zumeist männlich, weiß und deutsch – als selbst gewählter Luxusunterdrückter gefällt. Oder als 11Freunde-Hipster, der den salonfähigen Fußball als „Style“ mitmacht.

Eine solche ständige Suche geht in „Fußball vs. Countrymusik“ aus von sehr persönlichen Erlebnissen und Ansichten, wo nie ganz klar wird: Ist das der Autor oder eine Figur? Wie viel davon ist wirklich passiert? So komme ich vom Kleinen kurzweilig, spielerisch und satirisch zum Großen, zu Themen wie Rassismus, Nationalismus, Homophobie und z. B. dem ständigen Ringen um Selbstbestimmung im Leben.

Und wieso dann auch noch Countrymusik?

Verabschiedet habe ich mich vor einigen Jahren von der Last, ständig einem einzigen Verein hinterherzufahren. Auch Bundesliga im TV schaue ich äußerst selten. Das heißt aber nicht, dass ich aufgehört habe, mich mit der Fan-Selbstorganisation und den sozialen Phänomenen im Fußball verbunden zu fühlen und mich upzudaten.

Da ich im Grunde unterwegs lebe, hole ich mir überall einen Fußballhappen ab, wenn es gerade passt. Man kann wohl nur schrittweise loslassen, wenn man seit zwölf Jahren versucht, diverse Verhältnisse im Fußball abzuschaffen oder zu verbessern. Countrymusik, Antifolk und Punk as Folk haben mir dabei geholfen, nicht komplett zu verbrennen. Ich habe die Ersatzfreiheit Fußball nicht durch die andere namens Countrymusik ersetzt, sondern letztere für mich zu etwas umgebaut, das mir hilft, ab und zu mal einen Schritt zur Seite zu treten und mich selbst zu hinterfragen. Und immer wieder eine Stille zu erzeugen, aus der heraus ich wieder kraftvoll schreien kann.

Dass gerade so etwas wie Countrymusik das bei mir schafft, mag absurd klingen. Welche Nische du dir aussuchst, ist aber egal. Du kannst sie als noch so subversiv empfinden, sie ist es nicht. Wenn du das kapierst, kommt es nur noch darauf an, was du selbst anders machst und rüber bringst, um das Leben im antidiskriminierenden Sinne erträglicher zu machen. So gibt es eben auch gegen den konservativen Countrygeruch genug progressive Ansätze, die ich in meinem Buch mit Fußball augenzwinkernd zu einem alternativen Diskurs verwebe.

Du engagierst dich seit vielen Jahren gegen Rassismus und Diskriminierung im Fußball. Aus dieser Erfahrung gesprochen – auf welchem Stand siehst du die Entwicklung in Deutschland im Augenblick?

Das Buch von Gerd Dembowski heißt „Fußball vs. Countrymusik. Essays und Satiren“, ist im papyrossa-Verlag erschienen und kostet 12,90 Euro

Es kommt darauf an, wie es in den nächsten Jahren gelingt, den frischen Wind beim DFB und der DFL in den Alltag der Ligen zu übersetzen. Kritische Fans fragen sich: Wie viel davon ist Pose und vordergründiges Modernisierungselement? Wie viel von den Ergebnissen des Fankongresses im Juni in Leipzig lassen sich so umsetzen, dass eine andere Stadionatmosphäre entsteht, in der Antidiskriminierung als Grundsatz gelebt wird? Wie kann der schmale Grat zwischen selbstbestimmter, kreativer Fanszene auf der einen Seite und Kommerzialisierung, routinierter Langeweilekonsum, ordnungspolitischen und repressiven Maßnahmen auf der anderen für alle Seiten zufriedenstellend begangen werden?

Jede Gesellschaftsform bringt Endfremdungsformen mit sich. Und alle Revolutionen haben bisher immer nur Herrschende durch neue Herrschende oder ein Herrschendes ersetzt. Deshalb schaffen sich Massen seit Jahrhunderten kreative und entladende Freiräume. Und so wird sich jede Generation die entsprechenden Ventile suchen, um Dampf abzulassen, um eine Projektionsfläche für Freiheit, einen portionierten Karneval und temporäre Katharsis zu finden. Ob das in zwanzig Jahren für viele noch der Fußball ist? Vermutlich ja, aber sicher in etwas anderer Form.

Durch deine internationalen Kontakte hast du ja auch Vergleichsmöglichkeiten. Was könnte sich die engagierte Fanszene, aber auch Vereine und DFB denn beispielsweise in England abschauen?

Wenig, finde ich. Wenn du auf reformorientierte Selbstorganisation stehst, kannst du was lernen von Vereinen wie Brighton & Hove Albion FC, AFC Wimbledon oder FC United of Manchester. Da hatte sich der Ekel über Kommerzialisierung und Entfremdung vom Verein so sehr angestaut, dass Fans sich fundamental selbst organisiert oder gleich ganz einen eigenen Verein aufgemacht haben. Aber auch dort besteht die Gefahr, dass man langfristig nur auf einem anderen Niveau verdoppelt, Strukturen und Probleme nachinszeniert.

Der DFB und die DFL können von England lernen, wie man Tribünen und den Klub z. B. stadtteilbezogen für ethnische Minderheiten ansprechender gestaltet. Auch zur Öffnung für Homosexuelle hat die Football Association nun eine Kampagne ins Leben gerufen, die sich hoffentlich etabliert. Klar, hier werden Menschenrechte mit Kundenbindungsstrategie geschickt verknüpft. Aber wieso sollte nicht jeder und jede das Recht haben, sich ohne diskriminiert zu werden, mit der Dummheit Fußball im Stadion zu bedröhnen?

Abschließend noch eine Frage zu deinen eigenen Perspektiven. Was sind die Projekte, mit denen du dich derzeit oder in naher Zukunft beschäftigst?

Ups, das ist wie immer viel. Erst mal werde ich bis Jahresende 2007 durch die östliche USA trampen und schreiben. Im Januar 2008 fängt eine Lesetour zum Buch an, im Mai kommt das bereits aufgenommene Hörbuch mit befreundeten Bands und Gesang, Mitte 2008 würde ich sehr gern mit Wiglaf Droste touren. Parallel will ich mit meiner Doktorarbeit zu Fußball und Diskriminierung weiter kommen.

Mit BAFF würde ich gern an einer Neuauflage unserer Ausstellung „Tatort Stadion“ mitwirken, mit dem Deutschen Volkshochschulverband läuft ein Antrag für eine neue Ausstellung zu Fußball und Integration und ein Begleitbuch. Eine andere Idee ist, eine Koordinationsstelle gegen Diskriminierung im deutschen Fußball anzuschieben.

Als Ausgleich dazu gründe ich gerade eine DIY-Plattform für Antifolk, Punk as Folk und Alternative Countrymusik mit Label, Konzertbooking und Vertrieb für befreundete, bislang unbekannte US-Bands. Banjo spielen lerne ich auch. Wovon ich allerdings langfristig leben werde, weiß nur Johnny Cash.

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